DER MANN, DER SEIN EIGENES GRAB ÜBERLEBTE

👁 387 Aufrufe

Ein glückliches Leben – unter einem anderen Namen

Ich habe oft gedacht, dass das größte Glück im Leben eines Menschen die Klarheit ist. Wenn man morgens aufwacht und genau weiß, wer man ist, was man tut und warum man es tut.

Mein Name ist John Martin. Zumindest stelle ich mich den Menschen seit fünf Jahren so vor.

Ich bin Schriftsteller. Kein großer, aber bereits ein anerkannter. Meine Bücher erscheinen in einem kleinen Verlag, und in Cafés kommen manchmal Menschen zu mir und sagen:

— Mister Martin, ich habe Ihre letzte Geschichte gelesen. Sehr bewegend.

In solchen Momenten werde ich immer ein wenig verlegen.

— Wenn sie Sie berührt hat,— antworte ich gewöhnlich,— dann war meine Arbeit nicht umsonst.

An diesem Tag saß ich ebenfalls in meinem Lieblingscafé, dem “The Golden Cup”. Der Besitzer, der alte George, lächelte, als er mich sah.

— Das Übliche, Mister Martin?

— Ja, George. Schwarzer Kaffee, ohne Zucker.

— Schreiben Sie ein neues Buch?

— Ich versuche es,— sagte ich.— Ein Buch ist immer klüger als sein Autor.

Er lachte.

— Das sagen Sie immer.

Ich war ein glücklicher Mensch. Meine kleine Wohnung, meine Bücher, die abendlichen Lesungen im Buchladen, Freunde, die lange Diskussionen über Literatur liebten. Und vor allem liebte ich das, was ich tat.

Das Foto auf der dritten Seite

An diesem Tag lag neben meinem Kaffee eine Zeitung – “The London Chronicle”.

Ich lese selten Nachrichten, aber aus Langeweile blätterte ich durch die Seiten. Plötzlich blieb mein Blick an einem Foto hängen.

Dritte Seite.

Ein Hochzeitsfoto.

Ich erstarrte für einen Moment.

Der Mann auf dem Foto… war ich.

Die gleichen Gesichtszüge.
Das gleiche Lächeln.
Die gleichen kleinen Grübchen auf den Wangen, die erscheinen, wenn ich lache.

Ich klappte die Zeitung schnell zu.

„Eine optische Täuschung“, dachte ich.

Doch irgendetwas zwang mich, sie wieder zu öffnen.

Dritte Seite.

Wieder dasselbe Foto.

Ich schloss die Zeitung erneut. Einige Sekunden später öffnete ich sie wieder.

Dritte Seite.

Nein.

Es war kein Irrtum.

Das war ich.

Aber wie konnte etwas in einer Zeitung erscheinen, das niemals passiert war? Eine Hochzeit. Ich würde mich doch erinnern, wenn ich jemals verheiratet gewesen wäre.

Das Einzige, was mir in meinem Leben immer seltsam erschien, war, dass ich mich an nichts vor 1941 erinnern konnte. Keine Kindheit. Keine Jugend. Keine Familie. Ich war einfach eines Tages in der Welt erschienen.

Ich begann den Text unter dem Foto zu lesen.

„Heute jährt sich zum fünften Mal der Tod des Londoner Geschäftsmannes Harry McLean, der 1941 während einer Bombardierung ums Leben kam…“

Ich lachte leise.

— Nun gut, Mister Martin,— flüsterte ich zu mir selbst,— vielleicht hatten Sie einen Zwillingsbruder.

Vielleicht war er der Mann auf diesem Foto. Vielleicht war er gestorben.

Aber warum hatte ich noch nie von ihm gehört?

Der Traum

In dieser Nacht schlief ich schlecht.

Ich träumte.

Ich stand in einem großen Saal. Lichter, Musik, lachende Menschen. Neben mir stand eine Frau in einem weißen Kleid.

Sie sah mich an, als gäbe es in dieser Welt nur mich.

Ihre Augen waren dunkel, sanft und tief.

— Harry,— sagte sie flüsternd.

Ich wachte auf.

Schweißgebadet.

— Unsinn,— sagte ich laut.— Die Wirkung der Zeitung.

Doch am nächsten Tag, als ich in meinem Arbeitszimmer saß, nahm ich den Stift.

Und plötzlich erinnerte ich mich an etwas.

Ein großes Büro.

An der Wand hing das Logo einer Firma: McLean & Hart Trading.

Ich erstarrte.

— Wie kann ich mich daran erinnern,— flüsterte ich.

Zum ersten Mal dachte ich an etwas, das ich bisher nicht einmal zu vermuten gewagt hatte.

„Werde ich verrückt?“

Doch etwas ließ mir keine Ruhe.

Das Gesicht dieser Frau aus dem Traum.

Ich begann, Informationen über Harry McLean zu sammeln. Zunächst nur als Schriftsteller.

„Vielleicht ist das ein guter Stoff für meinen nächsten Roman.“

Ich fand seine Adresse.

Ein großes Haus in einer bekannten Straße. Gepflegter Garten. Es war klar, dass hier kein gewöhnlicher Mensch gelebt hatte.

Ich ging zur Tür und klopfte.

Stille.

Ich klingelte ein zweites Mal.

Die Tür öffnete sich.

Die Frau aus dem Traum

Auf der Schwelle stand eine Frau.

Die Jahre hatten einige Linien in ihr Gesicht gezeichnet, doch ich erkannte sie sofort.

Dieselbe Frau aus meinem Traum.

Sie sah mich an, und ihre Augen weiteten sich.

— Das kann nicht sein…— flüsterte sie.

Dann zitterten ihre Lippen.

— Harry?

Und sie fiel ohnmächtig direkt in meine Arme.

Ich konnte sie gerade noch auffangen.

In diesem Moment spürte ich ihren Duft. Vertraut. Unerklärlich vertraut.

Und plötzlich…

als hätte mich ein Blitz getroffen…

erinnerte ich mich an alles.

Meinen Namen: Harry McLean.

Meine Eltern. Dieses Haus, das ich einen Monat vor unserer Hochzeit gekauft hatte.

Meine Frau: Margaret Wilson McLean.

Wie ich sie im Foyer eines Konzertsaals kennengelernt hatte. Wie sie mich zum ersten Mal anlächelte. Wie ich mich verliebte.

Die Haushälterin kam aus dem Haus gerannt.

— Mein Gott… Mister McLean…— bekreuzigte sie sich.— Aber… wir haben Sie doch vor fünf Jahren begraben…

Margaret kam wieder zu sich.

Und sofort fiel sie mir in die Arme.

Sie weinte so, wie nur Menschen weinen, die bereits getrauert haben.

Ich erzählte alles. Die Explosion. Den Schlag auf den Kopf. Die fremde Stadt. Die Angst. Den Verlust der Erinnerung.

— Ich wurde Schriftsteller,— sagte ich schließlich.

Sie lächelte sanft.

— Die Geschäfte existieren noch,— sagte sie.— Mein Bruder führt sie. Du kannst zurückkehren.

Eine unerwartete Entscheidung

Einige Wochen später wurde meine Identität offiziell wiederhergestellt. Mein Name, mein Vermögen, meine Unternehmen.

Aber wenn ich im Büro saß und über Berichte gebeugt war, starb etwas in mir.

Diese Arbeit erschien mir plötzlich langweilig und unnötig.

Doch wenn ich mich in meinem Arbeitszimmer einschloss und schrieb…

war ich wieder lebendig.

Lebendig, wenn ich meine Schriftstellerfreunde traf und wir stundenlang bei einem Glas Whisky über Literatur diskutierten.

Eines Abends setzte ich mich Margaret gegenüber.

— Ich kann nicht in mein früheres Leben zurückkehren,— sagte ich ruhig.

Sie sah mich lange an.

Dann lächelte sie sanft.

— Das habe ich schon verstanden, Harry. Wie du willst. Ich respektiere deine Entscheidung.

Ich übergab die Leitung der Geschäfte ihr und ihrem Bruder.

Und ich kehrte an meinen Schreibtisch zurück. Zu meinem Stift. Zu meinen Geschichten.

Heute denke ich manchmal, dass das Leben uns alles nehmen kann: unsere Erinnerungen, unsere Vergangenheit, unsere Identität. Natürlich ist das tragisch.

Doch manchmal findet der Mensch gerade durch diese Verluste das, was er sich nie zu suchen getraut hätte.

Sein wahres Leben. Und seine Berufung.