Im kleinen städtischen Dorf Peschotschnoje in der Region Twer in Russland war es mitten im Frühling. An den Straßenrändern lagen noch graue Reste des Schnees, doch in den Höfen lag bereits der Geruch von feuchter Erde in der Luft.
Iwan Sergejewitsch Krawzow, ein siebzigjähriger Rentner, strich den Holzzaun seines Hauses.
Die Farbe war gelb – hell wie die Sonne.

Er arbeitete langsam, aber beharrlich, hob den Pinsel an und führte ihn wieder über die Holzbretter.
Neben ihm saß sein alter Freund und Beschützer – der große Schäferhund Grom. Der Hund hielt die Augen halb geschlossen und war fast eingeschlafen.
„Eine gute Farbe, nicht wahr, Grom?“ sagte der alte Mann lächelnd und betrachtete die Farbe.
„Die Farbe der Sonne. Ein Mensch sollte ein wenig Sonne in seinem Hof haben.“
Grom gab ein leises „Wuff“ von sich und legte den Kopf wieder auf seine Pfoten.
Die Zyniker
Genau in diesem Moment tauchten an der Straßenecke drei junge Männer auf.
Lautes Lachen, Zigarettenrauch, alberne Späße.
Sie gingen auf den Zaun zu.
„Oh-ho, Opa“, grinste einer. „Warum streichst du deinen Hof wie einen Kindergarten?“
„Gelb, ja?“ lachte ein anderer. „Willst du vielleicht auch noch ein Verkehrsschild aufstellen?“
Iwan Sergejewitsch hörte nicht auf zu streichen.
„Jungs“, sagte er ruhig. „Geht euren Weg. Ich arbeite.“
Grom stand auf und bellte ein paar Mal scharf.
„Hey, seht mal – Opas Bodyguard“, lachten sie.
„Grom, ruhig“, flüsterte der alte Mann. „Es lohnt sich nicht.“
Der Hund knurrte unzufrieden, schwieg aber.
Plötzlich hob einer der Jungen den Farbeimer auf.
„Mal sehen, wie diese Farbe wirklich aussieht“, sagte er.
Im nächsten Moment kippte er den ganzen Eimer über die Hose und die Schuhe des alten Mannes.
Die gelbe Farbe floss über den Stoff.
Ein anderer trat gegen den leeren Eimer, der über die Straße rollte.
Die jungen Männer lachten laut und gingen weiter.
Iwan Sergejewitsch stand einen Moment regungslos da.
Sein Kiefer war angespannt, seine Finger wurden weiß um den Pinsel.
Doch er sagte nichts.
Nur flüsterte er:
„Möge Gott euch Verstand geben…“
Grom stand bereits auf den Pfoten und beobachtete die Jungen.
Auf der anderen Straßenseite stand ein roter Lamborghini.
Ein unglaubliches Auto für dieses kleine Dorf.
Einer der Jungen öffnete die Tür, startete den Motor, stieg wieder aus und blieb neben der offenen Tür stehen, um mit den anderen zu reden und zu rauchen.
Grom
Grom blickte einen Moment zu seinem Herrchen.
Der alte Mann saß auf dem Stuhl und versuchte mit einem Taschentuch die Farbe von seiner Kleidung zu wischen.
In den Augen des Hundes veränderte sich etwas.
Plötzlich sprang er auf.
Er rannte zu der verschütteten gelben Farbe.
„Grom…“, rief der alte Mann überrascht.
Doch es war schon zu spät.
Der Hund begann sich in der Farbe zu wälzen.
In wenigen Sekunden war ein großer Teil seines Fells gelb.
Dann schoss er auf den Lamborghini zu.
Die Jungen begriffen zuerst nicht, was geschah.
Der Hund glitt zwischen ihren Beinen hindurch und sprang ins Auto.
„Hey! Was zum—?“ schrie einer.
Grom war bereits im Wagen.
Er begann über die Sitze zu laufen,
rieb seinen Körper an den Ledersitzen, am Lenkrad und an den Türen.
Die gelbe Farbe hinterließ breite Spuren.
„Haltet ihn!“ rief der Fahrer.
Doch als sie näher kamen, zeigte der Hund die Zähne.
„Grrrr!“
Sie wichen einen Schritt zurück.
Dieser eine Moment reichte.
Grom sprang aus dem Auto.
Dann begann er schnell um das Fahrzeug herumzulaufen und seinen Körper an die glänzende rote Karosserie zu reiben.
Auf dem Rot erschienen lange, hässliche gelbe Streifen.

„Verdammt!“ schrie einer.
„Teufelshund!“
Sie rannten ihm hinterher.
Doch Grom schoss bereits zur Baumallee.
Eine schnelle Wendung – und er verschwand im Gebüsch.
Der Lamborghini war vollständig mit gelben Flecken bedeckt.
Die Jungen fluchten und rannten wütend um das Auto herum. Dann sprangen sie hinein und rasten davon, als ob ein Teufel hinter ihnen her wäre.
Am anderen Ende der Straße saß Iwan Sergejewitsch noch immer auf seinem Stuhl.
Ein paar Minuten später kam Grom aus dem Gebüsch zurück.
Der Hund ging ruhig zu seinem Herrchen und setzte sich neben ihn.
Der alte Mann betrachtete ihn lange. Dann strich er langsam über sein gelbes Fell.
„Du auch, Grom…“, seufzte er.
Einen Moment lang schwiegen sie.
Der alte Mann lächelte leicht.
„Nun… vielleicht benutzt Gott manchmal auch Hunde, um Gerechtigkeit zu schaffen. Komm, Grom… gehen wir uns waschen.“
Grom bellte zufrieden.
Und in der Sonne leuchtete der gelb gestrichene Zaun heller als zuvor.
