DER GEHEIME VERTRAG DER ERINNERUNGSBÖRSE

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Die Stille der Wiener Galerie

Im Herzen Wiens, in einer Galerie für moderne Kunst, war die Luft erfüllt vom Duft teurer Parfums und vom Geruch des Erfolgs. Lukas, der junge Maler, dessen Werke als „Spiegel der Seele“ galten, lächelte den Gästen zu. Seine neueste Serie, „Die Geister der Vergangenheit“, war bei einer Auktion zu einem unglaublichen Preis verkauft worden. Man sagte, seine Bilder brächten die Menschen zum Weinen, weil sie so „real“ seien, als hätte der Betrachter diesen Schmerz selbst erlebt.

Vor fünf Jahren: Ein Geschäft mit der Leere

Lukas erinnerte sich, wie er vor fünf Jahren – völlig gebrochen, innerlich zerschmettert von Verrat, vom Schrecken des Todes seiner Mutter und vom schmerzhaften Ende seiner ersten Liebe – das Büro des österreichischen Unternehmens „ErinnerungSpeicher GmbH“ betrat. Das Unternehmen beschäftigte sich mit der Digitalisierung, Speicherung und dem Verkauf von Erinnerungen und versprach den Menschen, sie von traumatischen Vergangenheiten zu befreien oder ihnen im Gegenteil die Möglichkeit zu geben, die Erlebnisse anderer als „Erfahrungspakete“ zu erwerben.

Er hatte alles verkauft – die Bitterkeit des Verrats, den Schrecken des Todes seiner Mutter, die schmerzhafte Trennung von seiner ersten Liebe. Er wollte ein leeres Blatt. Und er bekam es. Die entstandene Leere füllte er mit einer kreativen Besessenheit.

Die unerwartete Begegnung

Auf dem Höhepunkt der Ausstellung näherte sich ihm eine Frau. Sie war älter, ihre Augen melancholisch, aber glänzend. Sie legte ihre Hand auf Lukas’ Schulter und flüsterte:

— Danke, Herr Schneider. Dank Ihrer Bilder erlebe ich all das neu, was mir das Schicksal genommen hat. Meine ganze Welt ist in Ihren Gemälden.

Lukas lächelte und hielt es für ein gewöhnliches Kompliment.
— Es freut mich, dass meine Kunst Sie berührt.
— Mehr als das, — lächelte die Frau und zeigte ihm die „ErinnerungSpeicher“-App auf ihrem Handy, in der vor dem Hintergrund von Lukas’ Bildern Dateien mit den Titeln „Mein Lebensabend“ und „Liebe in Wien“ zu sehen waren.

Die Enthüllung

Lukas’ Herz erstarrte. Er trat näher, vom Misstrauen getrieben.
— Was ist das?
— Mein „Erfahrungspaket“, das ich vom Unternehmen gekauft habe, — sagte die Frau stolz. — Sie haben Ihre Erinnerungen verkauft, und ich habe sie gekauft, damit mein graues Leben Farbe bekommt.

Lukas’ Hände zitterten. Er öffnete sofort seine eigene App, die er bis dahin nie gestartet hatte, weil er dachte, sie sei leer. Er gab seinen „Zugangsindex“ ein. Auf dem Bildschirm erschien keine Leere, sondern eine riesige Liste von „Downloads“: „Unbekannte Erinnerungen. Typ: Experience“.

Der Schock traf ihn wie ein Donnerschlag. Er hatte nichts gelöscht. Er hatte lediglich Platz geschaffen. Das Unternehmen hatte sein Gehirn zu einem „Speicher“ gemacht. Anstatt die schmerzhaften Erinnerungen zu entfernen, hatte es sie in die Köpfe der Kunden übertragen, während sein geleertes Bewusstsein mit den Erlebnissen anderer „gefüllt“ wurde, damit er weiter malen und den Kunden neues „Rohmaterial“ liefern konnte.

Nicht sein Tod, nicht seine Liebe

Er rannte zu seinem Meisterwerk an der Wand – „Der Tod eines Fremden“. Plötzlich erinnerte er sich nicht an den Tod seiner Mutter, sondern an die Erinnerung eines anderen – eines alten Mannes, der einsam in einem abgelegenen Dorf gestorben war. Er erinnerte sich an die Liebe eines anderen, an den Verrat eines anderen. Er erinnerte sich an die Liebe eines anderen, an den Verrat eines anderen.

Er stand im Zentrum der Ausstellung, umgeben von Hunderten von Menschen, die seine „Schöpfungen“ bewunderten. Doch kein einziges Gemälde fühlte sich noch wie sein eigenes an. Es waren Bruchstücke fremder Leben, die er als biologische Maschine in Kunst verwandelt hatte. Er besaß nichts – weder echte Erinnerungen noch eigenen Schmerz noch eigene Freude. Er war nur ein Algorithmus in menschlicher Haut, der die Fehler und Erinnerungen anderer in Reichtum verwandelte – für eben jene Menschen.

Wenn der Künstler zum Werkzeug wird

Lukas betrachtete seine Hände. Es waren nicht die Hände eines Künstlers. Es waren die Messer eines Chirurgen, die täglich die Seelen anderer herauslösten und nur deren Albträume in sich trugen. Die Welt drehte sich um ihn. Er hatte sich nicht von der Vergangenheit befreit – er war ihr Gefangener geworden und servierte nun ewig das Leben anderer.

Er griff sich an den Kopf. Der echte Lukas Schneider war längst gestorben – zusammen mit seinen eigenen Erinnerungen, die nun in den Köpfen von Fremden auf der ganzen Welt lebten. Und er, eine Marionette mit falschem Leben, begeisterte weiterhin die Menge.

Liebe Leserinnen und Leser, Ihre Meinung interessiert uns:
In welchem Moment hört ein Mensch auf, er selbst zu sein – wenn er sich vom Leiden befreit oder wenn er seiner Vergangenheit und seinen Erinnerungen entsagt?

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