DER GEIST DER ZWIEBELFELDER

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Die Steppe von Kulan verzeiht niemals Schwäche. Doch dort, in der Endlosigkeit des kasachischen Horizonts, kann man sichmanchmal allzu leicht verlieren.
An diesem heißen Augusttag 2024 verließ die 66-jährige Ainazhan das Haus ihrer Schwester – und verschwand. Sie kehrte nicht zurück. In Kasimovs Haus schien die Luftstillzustehen. Der festliche Trubel des Kurban-Bajramverwandelte sich in einen Albtraum.

Zuerst glaubte die Familie – ihr Mann Kanat, der Sohn Bakhytund die Tochter Gulnara –, sie habe sich einfach verlaufen. Doch aus Tagen wurden Wochen. Die Stadt und die umliegenden Dörfer wurden auf den Kopf gestellt. Das Foto von Ainazhan an den Wänden der Polizeistation begann in der Sonne zu vergilben, und Kanats Herz – an der Ungewissheit zuzerbrechen.  Jeder Telefonanruf ließ sein Herz stehen bleiben.

— Vater, sie wird zurückkommen, sie ist stark — sagte Bakhyt, doch in seinen Augen lag derselbe Abgrund.
— Ungewissheit ist schlimmer als der Tod, mein Sohn, — antwortete Kanat. — Der Tod hat einen Punkt. Aber das hier … das ist eine endlose Leere.

Mit den Tagen wurde die Angst zu einer schweren, zähen Stille. Für Kanat war  Ainazhan der unsichtbare Grundpfeiler seines Alltags gewesen – und jetzt, da dieser Pfeiler fehlte, stürzteseine Welt ein.

Ende August wurde am Rand eines verlassenen Feldes in der Steppe der Körper einer Frau gefunden. Hitze und Zeit warengnadenlos gewesen. Unter den kalten Wänden der  Leichenhallebetrachtete Kanat den aufgedunsenen, halb verwesten Körperund brach in Schluchzen aus: dieselbe Größe, dieselben müdenHände.

— Das ist sie … das ist meine Ainazhan, — flüsterte er. Der Schmerz war so groß, dass sein Verstand sich weigerte zuzweifeln. Die Familie fand im Trauerprozess ihre „Erlösung“, denn die Ungewissheit war furchtbarer als der Tod. Der Körperwurde beerdigt, das ganze Dorf nahm an der Beerdigung teil.

2. Rückkehr und Entfremdung

Einen Monat später, am Abend, als im Haus noch der Weihrauch der Trauer brannte und der herbstliche Wind von Kulan gegen die Fenster schlug, öffnete sich die Tür leise. Auf der Schwelle erschien die Silhouette einer Frau, die in der Abenddämmerung eher wie ein Geist wirkte. Kanat, der vorSchreck aufgesprungen war, lehnte sich entsetzt an die Wand und rutschte langsam hinunter. Die Bewegungen waren vertraut– und als schließlich das Gesicht sichtbar wurde, blieben keine Zweifel  mehr … Es war Ainazhan. Mit demselben grauenKopftuch, das sie seit Jahrzehnten trug.  Ihr Gesicht  glichausgetrockneter Erde, in die neue Furchen gegraben waren.

Kanat, dem vor Schock und Angst der Atem stockte, streckteunwillkürlich die Hand aus,  als müsste sie durch eine Erscheinung hindurchgehen, um sich zu vergewissern, dass es kein Geist war. Aber vor ihm stand kein Trugbild.

— Wie kann das sein … — seine Stimme war kaum hörbar — was für ein Wunder ist das?
Er rief den Namen seines Sohnes. Gulnara und Bakhyt stürmtenins Zimmer. Gulnaras markerschütternder Schrei und ihrOhnmachtsanfall vollendeten den allgemeinen Schock.

Als Ainazhan zu den anderen eilte, ihre Tochter fest umarmte, spürten alle sie körperlich.

— Ich bin einfach nicht nach Hause gegangen. Meine Beinewollten mich nicht zurücktragen. Ich bin in den erstbesten Bus gestiegen und weggefahren … einfach geflohen … Ich war die ganze Zeit in Dunganowka. Ich habe in einem fernen Aul Zwiebeln geerntet, — sagte sie ruhig, während die Angehörigen, jeder an eine Wand gelehnt, langsam wieder zu sich kamen. — Ich lebte im Haus einer fremden Frau. Wir lebten einfach. Sie nahm mich auf, ich half ihr gern auf dem Feld. Für sie war ich eine Fremde – aber ein Mensch, mit dem man einfach redenkonnte, ohne Rollen, ohne  Konventionen, mit dem man Träumeteilen, scherzen und einfach die Luft der Freiheit atmen konnte.

— Aber wie, Mama?! — rief Bakhyt. — Wir haben dich auf einPodest gestellt, du warst die Königin unseres Hauses, unserAlles! Warum sprichst du jetzt so grausam? Warst du hierwirklich so allein, so ausgehungert nach Freiheit?

— Ihr habt mich auf ein Podest gestellt, weil es so leichter war, mich nicht zu sehen, — antwortete Ainazhan. — Eine Ikone hat keine Bedürfnisse. Über ihr Inneres kann man urteilen, aberhineingehen – nicht. Eine Ikone hat kein Bedürfnis nachEinsamkeit. Ich war jahrelang in meinen Rollen gefangen. Erst eine gehorsame Schwiegertochter, die allen passen musste. Dann eine Mutter, die sich opfern sollte. Dann eine Großmutter, die unter der Last der unerfüllten Jahre zerbrechen und dochstark erscheinen musste, weil man das von der Herrin des Hauses erwartete. Wo war Ainazhan? Wisst ihr, welche Träumeich in meiner Seele trage? Ich liebe  euch alle. Aber manchmalwird Liebe zur Falle für das eigene Ich – zu einerselbstzerstörerischen Liebe.

Die Worte strömten wie ein Dammbruch. Es schien, als hätteAinazhan mehr als vierzig Jahre auf diesen Moment gewartet. Niemand unterbrach sie.

3. Dialog am eigenen Grab

Am nächsten Tag bat Ainazhan Kanat, sie zum Friedhof zubringen. Sie standen vor einem frischen Hügel, auf dessenkleinem Stein ihr Name eingraviert war.
Sie kniete nieder und berührte langsam den kalten Stein.

— Siehst du, Kanat, — flüsterte sie. — Du hast diese Fremdebegraben, ohne auch nur zu zweifeln. Weißt du, warum? Weil du längst nicht mehr weißt, wie mein Körper ist. Du weißt nicht – oder hast vergessen –, dass ich auf der linken Schulter eingroßes Muttermal habe, das man unmöglich übersehen kann. Du kennst meine Vorlieben nicht. Diese Frau, soweit ich das Foto in der Zeitung gesehen habe, wurde in einem grünen Kleidgefunden. In vierzig Jahren hast du nicht bemerkt, dass ich die Farbe Grün nicht mag und kein grünes Kleid besitze. Grün istfür dich die Farbe des Tees, den ich dir jeden Tag hingestellthabe, damit du dich gut fühlst – obwohl ich auch keinen Tee mag, weil ich Kaffee bevorzuge.

Kanat wollte etwas sagen, doch sie fuhr fort:

— Ihr kanntet mich nur so weit, wie ich euch nützlich war. Erinnerst du dich, als in der Dorfschule ein Malkurs eröffnetwurde und ich darum bat, hinzugehen, weil ich seit meinerKindheit gern zeichne und es mir gut gelingt? Du hast meineBilder gesehen. Und du hast gesagt, einer Hausfrau stehe der Pinsel nicht. Erinnerst du dich, ich wollte in der Chemiefabrikarbeiten, weil ich aus dem Haus musste? Und du sagtest: Ich arbeite, das reicht, die Hausarbeit ist auch nicht wenig. Erinnerstdu dich, wann wir das letzte Mal zusammen irgendwo waren? Zu zweit … einfach zu zweit … kein einziges Mal … nirgendwo. Du warst einmal dienstlich in Turkmenistan, einmalin Moskau. Also ist dieser Friedhof das genaue Spiegelbildmeiner Seele. Ihr habt mich in eurer Gleichgültigkeit viel früherbegraben, als ich in der Steppe verschwand. Dieser Körper war für euch ich, weil auch er – wie ich – kein Gesicht hatte.

Kanat schwieg und hielt die Hand seiner Frau, die hart wie Erdeund kalt wie Eis war.

4. Zorn gegen die Gesichtslosigkeit des Systems

Während im Haus ein psychologischer Krieg tobte, versuchteBakhyt im kalten Büro der Staatsanwaltschaft Antworten zufinden.

— Sie waren einfach zu faul, ihre Arbeit zu machen! — schrieer und schlug auf den Tisch. — Für Sie ist eine Rentnerin nurStatistik. Sie haben keinen DNA-Test gemacht, weil Ihnen die „optische“ Ähnlichkeit gereicht hat, um den Fall zu schließen.

Der Staatsanwalt rückte kühl seine Brille zurecht.

— Herr Kasimov, das System stützt sich auf Fakten, die von den Angehörigen bestätigt werden. Das ist ein gewöhnlicherArbeitsfehler. Die Dokumente werden korrigiert. Menschen irren sich. Wir helfen Ihrer Mutter, ihren Status wiederherzustellen.

— Sie irren sich? — flüsterte Bakhyt. — Sie haben einenlebenden Menschen begraben, weil er in Ihren Akten keinenPlatz mehr hatte. Sie haben unseren Schmerz missbraucht – und wir konnten in diesem Albtraum auch irren. Ihre Obsession, keine offenen Fälle zu haben, tötet Menschen doppelt. Ich werdeIhnen das nicht verzeihen.

Der Staatsanwalt unterbrach den aufgebrachten Bakhyt kaum. Nicht der erste Beschwerdeführer, nicht der letzte. Soll er seinenGroll abladen – dann gibt es später weniger Probleme.

5. Epilog. Die offen gebliebene Tür

Ainazhan kehrte allmählich in ihr Alltagsleben zurück. Doch sienahm das Kopftuch nicht ab. Manchmal saß sie auf der Bank am Fenster, und ihr Blick erstarrte in Richtung der fernen Horizonte der Steppe. In diesen Momenten störte sie niemand.

Kanat und Bakhyt waren aufmerksamer geworden. Jeden Tag fragten sie, wie es ihr geht, was sie braucht. Doch das bewegtenicht viel in ihrem Herzen. Nur die Tochter, Gulnara … siekonnte ihrer Mutter nicht in die Augen sehen. Sie wusste, dassdiese Augen den Zorn und die Verletzung verraten würden, die in ihrer Seele nisteten. Mit ihr hätte die Mutter sprechen können… mit ihr, die früher jede Kleinigkeit zuerst der Mutter erzählte– alle Freuden und alle Sorgen. Aber warum hatte sie selbst nieeinmal die Mutter gefragt?

Das Gefühl des Verrats ließ sie nicht los, und sie wusste: Innerlich tragen auch ihr Vater und ihr Bruder diese Mauer in sich.


Und jedes Mal, wenn diese Gedanken an ihre Tür klopften, zwang sie sich, an etwas anderes zu denken – weil siehartnäckig nicht zu der Frage gelangen wollte, was sie tun würden,  wenn  sie eines Morgens entdecken müssten, dass die Mutter wieder gegangen ist …

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