DER SPRUNG DES „MONSTERS“ UND DIE VERLETZUNG EINES KLEINEN MÄDCHENS

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Der kühle Alpenabend war ruhig, wie immer in diesem Innsbrucker Vorort. Mein Retriever Hans, den die ganze Nachbarschaft als „kultivierten Gentleman“ kannte, lag friedlich unter dem Apfelbaum. Plötzlich zerriss ein schriller, hysterischer Schrei die Luft, gefolgt von Hans’ ungewohntem, alarmierendem Bellen. Das war der Laut, den er nur in Momenten äußerster Angst oder Gefahr von sich gab.

Als ich auf den Balkon hinauslief, gefror mir das Blut in den Adern. In der Mitte meines Hofes stand meine Nachbarin, Frau Elsa Hoffmann, das Gesicht vor Wut entstellt, und neben ihr zitterte vor Angst ihre kleine Tochter Lotta.

„Dieses Biest hat mein Kind gebissen! Ich werde dich ruinieren, Maximilian. Das Gericht wird dich zwingen, dieses Monster einschläfern zu lassen. Das ist Österreich, hier verzeiht das Gesetz gefährlichen Tieren nicht!“, schrie sie und zeigte auf Lottas blutige Finger.

„Frau Hoffmann, bitte beruhigen Sie sich. Hans würde niemals…“, versuchte ich einzugreifen, aber sie ließ mich nicht ausreden.

„Deine Kameras, Max. Schalte diese verdammten Kameras ein. Ich will sehen, wie dein ‚friedlicher‘ Hund ein unschuldiges Kind angreift, damit ich der Polizei Beweise vorlegen kann.“

Wir gingen ins Haus. Die Luft war elektrisch geladen. Mit zitternden Händen startete ich die Aufzeichnung. Auf dem Bildschirm erschien unser Hof. Hans schlief ruhig. Wir sahen, wie Elsa und Lotta durch eine Öffnung im Zaun in mein Grundstück kamen. Doch was in der nächsten Sekunde geschah, ließ Elsa erstarren und mir den Atem stocken.

Eine unerwartete Wendung

Auf dem Video war zu sehen, dass Lotta sich dem Hund überhaupt nicht näherte. Sie stand bei den Blumentöpfen, als plötzlich aus dem Gras eine große, schwarze Alpenviper (Vipera berus) hervorglitt. Die Schlange bereitete sich darauf vor, das Kind anzugreifen. Vor Schreck konnte Lotta sich nicht bewegen.

In genau diesem Moment schoss Hans, der bis dahin „geschlafen“ hatte, blitzschnell zwischen das Kind und die Schlange. Er hatte Lotta nicht gebissen – er hatte sie mit seinem Körper weggestoßen, sodass sie in die dornigen Rosenbüsche fiel (daher kam auch das Blut an ihren Fingern).

Doch die schockierendsten Bilder kamen zum Schluss. Hans, sein eigenes Leben riskierend, packte den Kopf der Schlange in dem Moment, als das Reptil nach Lotta schnappte. Der Hund schüttelte wütend den Kopf, um den giftigen Eindringling unschädlich zu machen, und genau da begann er auch zu bellen – um vor der Gefahr zu warnen.

Die Entscheidung

Im Raum herrschte Grabesstille. Die Wut in Elsa Hoffmanns Gesicht wich einer tödlichen Blässe. Sie begriff, dass das „Monster“, das sie einschläfern lassen wollte, ihrer Tochter gerade das Leben vor dem tödlichen Biss einer Giftschlange gerettet hatte.

„Oh mein Gott…“, flüsterte sie und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

Wir brachten Hans sofort in die Tierklinik. Er war bereits in Krämpfen. Der Tierarzt sagte uns, dass man ihn nicht mehr hätte retten können, wenn wir nur ein paar Minuten später gekommen wären. Die Schlange hatte ihn an der Pfote erwischt, kurz bevor Hans sie endgültig unschädlich gemacht hatte. Nach einigen Tagen intensiver Behandlung erholte er sich jedoch vollständig.

Ich ging wieder in den Hof. Hans saß bei den Stufen, den Kopf gesenkt. Seine Schnauze war leicht geschwollen.

Frau Hoffmann kniete vor dem Hund nieder. Kein Gericht, keine Polizei. Weinend umarmte sie Hans. Und am nächsten Tag wusste die ganze Nachbarschaft, dass Maximilians Hund kein „gefährliches Tier“ war, sondern ein echter Tiroler Held. Seit diesem Tag wartete in meinem Hof immer das beste österreichische Steak auf Hans – gespendet von der Nachbarin als Dankeschön.

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