Ellens Morgen begannen nicht mit dem Duft von Kaffee, sondern mit einem kalten Schauer. Sie saß vor dem Computer, und das Licht des Bildschirms verlieh ihrem Gesicht einen blassen Ton.
„Ich weiß, wie du zu dieser Position gekommen bist. Ich sehe, wie du nachts am Waschbecken weinst, wenn dich niemand sieht.“
Die E-Mail war um 03:42 Uhr nachts verschickt worden. Unbekannte Adresse, unbekannter Absender – aber erschreckend vertraute Details.
Das Gift des Verdachts
Als Erstes dachte sie an Mark. An ihren Ex-Mann, der ihr den Weggang nie verziehen hatte. Er nimmt Rache, dachte Ellen und ballte die Fäuste. Mark kannte ihre Schwächen, kannte jede ihrer Ängste.

Sie rief Mark an und begann ohne Begrüßung zu schreien:
— Hör auf mit diesen Spielchen, Mark! Wenn du glaubst, du könntest mich mit E-Mails zurückholen oder zerstören, irrst du dich.
— Ellen, wovon redest du? Ich habe dich seit drei Monaten nicht gesehen und will dich auch nicht sehen, antwortete Mark ruhig, aber kalt. — Du warst schon immer geneigt, alles zu dramatisieren. Vielleicht spricht einfach nur dein schlechtes Gewissen.
Ellen legte auf.
Am nächsten Tag sah sie an ihrem Arbeitsplatz – in ihrem neuen Büro als Projektmanagerin eines großen Schiffbauunternehmens – ihre enge Freundin Anna misstrauisch an. Seit Ellen diese hohe Position bekommen hatte, hatte sich etwas in Annas Blick verändert.
— Anna, du wusstest doch, dass ich Angst vor dem offenen Meer habe, obwohl ich Schiffe entwerfe, sagte Ellen und sah ihrer Freundin in die Augen. — Gestern habe ich darüber eine E-Mail bekommen. Außer dir und mir wusste das niemand.
— Ellen, was willst du damit andeuten? Dass ich dich verfolge? Annas Stimme zitterte vor Neid und Verletzung. — Vielleicht ist dieser Job einfach zu schwer für dich, und du hast nur Einbildungen?
An diesem Tag stritten sie sich. Ellen brach den Kontakt zu ihr ab. Sie blieb allein in ihrer leeren Wohnung, doch die E-Mails gingen weiter. Sie wurden immer persönlicher. In einer stand ein Geheimnis aus ihrer Kindheit, das sie nie jemandem erzählt hatte – nicht einmal Mark.
Das konnte kein Mensch geschrieben haben, dachte Ellen. Das ist eine Parallelwelt, oder meine Vorfahren versuchen, aus der übernatürlichen Welt mit mir zu sprechen.
Im Spiegel
Sie wandte sich an eine Esoterikerin, dann an einen IT-Sicherheitsexperten. Der Experte sah sie nach langer Untersuchung des Computers mit einem seltsamen Blick an:
— Ellen, die E-Mails kommen genau von dieser IP-Adresse. Sie werden aus Ihrem Haus verschickt.
Der Schrecken war vollkommen. Ellen begriff, dass es in ihrem Haus jemanden gab, den sie nicht sah.
Schließlich wandte sie sich, verzweifelt, an den Psychologen Dr. Brown.
— Ich bin nicht verrückt, Doktor, beharrte sie. — In meinem Haus geschehen seltsame Dinge.
— Lassen Sie uns das überprüfen, sagte der Arzt ruhig. — Installieren Sie eine Kamera in Ihrem Arbeitszimmer. Ich werde aus der Ferne Zugriff haben und Ihre nächtlichen Bewegungen beobachten.
In dieser Nacht legte sich Ellen mit Angst im Herzen schlafen und spürte das „Auge“ der Kamera in ihrem Haus.
Am Morgen um zehn Uhr war sie in der Praxis des Arztes. Schweigend schaltete er die Aufnahme ein.
Ellen sah sich selbst.
Um drei Uhr nachts war sie aus dem Bett aufgestanden. Ihre Augen waren offen, aber ihr Blick war leer und kalt. Mit langsamen Schritten ging sie zum Computer, schaltete ihn ein und begann schnell zu tippen. In ihrem Gesicht lag ein seltsamer, leidender Ausdruck. Nachdem sie getippt hatte, schickte sie die E-Mail ab, schaltete den Bildschirm aus und kehrte mit derselben Ruhe ins Bett zurück.
— Das ist Somnambulismus, Ellen, flüsterte der Arzt. — Ihr Unterbewusstsein versucht, all den Stress und die Einsamkeit loszuwerden, die Sie tagsüber verbergen. Diese E-Mails sind die Schreie Ihres inneren Ichs an Sie selbst. Sie verfolgen sich selbst, weil Sie sich Ihre Erfolge oder Ihre Verluste nicht verzeihen.
Ellen sah auf den Bildschirm und weinte. Sie hatte endlich ihren „allsehenden“ Verfolger gesehen. Das war sie selbst – eine einsame, verängstigte Frau, die Liebe brauchte und bereit war, alle Brücken abzubrechen, nur um gehört zu werden.
— Was soll ich jetzt tun? fragte sie.
— Verzeihen Sie sich selbst, antwortete der Arzt. — Und vielleicht rufen Sie Anna an. Sie brauchen jetzt einen Freund, keinen Zufluchtsort.
