GESTOHLENE LIEBE: DER GRAUSAME PREIS DER FREIHEIT

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Der düstere Belgrader Herbst lastete schwer über dem alten Viertel von Zemun. Im Inneren des Hauses stand die Luft still, gesättigt vom Geruch von kochendem Kaffee und feuchten Wänden.

— Mama, molim te, nemoj… (Mama, bitte, nicht…) — Vesna hatte sich auf den Boden gekauert, ihre Finger hatten sich in die Ritzen des halbverfaulten Holzes gekrallt.
— Halt den Mund, du elendes Geschöpf.

Das Zischen des Ledergürtels klang wie ein Peitschenhieb. Dragana schlug wütend, aber schweigend. Ihr Gesicht war nicht das einer Mutter, sondern das einer Frau, die mit jedem Schlag versuchte, den größten Fehler ihres Lebens auszulöschen. Die kupferne Schnalle — das einzige, was vom Vater geblieben war — hinterließ jedes Mal, wenn sie ins Fleisch schnitt, eine brennende Spur. Vesna wusste: Man durfte nicht fliehen. Flucht machte die Wut nur schlimmer. Man musste warten, bis die Mutter müde wurde, sie zu hassen.

— Siehst du das? — keuchte die Mutter und hielt den Gürtel hoch. — Der ist von deinem Vater. Er ist gegangen, weil du geboren wurdest. Er wollte sein Leben nicht mit einer schreienden Last teilen. Und ich bin geblieben. Ich habe meine Stimme getötet, meine Schönheit, mein Theater… wegen dir. Du bist meine Schuld, Vesna.

Diese „Schuld“ bezahlte Vesna jeden Tag. Mit sechzehn war sie bereits nur noch der Schatten des Hauses. Sie wusch, sie putzte, sie schwieg, wenn die Mutter fremde Männer mit nach Hause brachte. Sie hatte gelernt, nicht zu sein. Und dann kam der Tag, an dem die Mutter sie einfach hinauswarf.

— Petar wird hier einziehen. Deine Sachen stehen vor der Tür. Du bist schon groß, kümmere dich selbst um dich, — sagte die Mutter kalt, ohne ihr in die Augen zu sehen.

In dieser Nacht schlief Vesna auf einer kalten Bank im Belgrader Bahnhof. Sie sah die Züge an und dachte: Vielleicht bin ich wirklich so schlecht, dass nicht einmal meine Mutter mich lieben konnte. Aber tief in ihr war da eine kleine, noch nicht gestorbene Hoffnung: Sie würde gebraucht werden. Die Mutter würde anrufen.

Sieben Jahre später klingelte das Telefon.

Vesna stand an der Schwelle des alten Hauses, die Hände voller Geschenke. Drinnen hatte sich alles verändert. An den Wänden waren neue Tapeten, die Luft roch nach frischem Gebäck. Und am Tisch saß der sechsjährige Luka.

— Moj zlatni dečko (mein goldener Junge), — flüsterte die Mutter zärtlich und führte dem Kind den Löffel mit dem Brei zum Mund. Sie lachte, küsste seine Wangen, strich ihm die Haare mit einer Fürsorge, die Vesna nie gekannt hatte.

Ein schwerer Kloß stieg Vesna im Hals hoch. Sie sah Luka an und spürte, wie in ihr etwas Hässliches, Dunkles erwachte. Neid. Sie hasste sich selbst für diesen Neid. Er ist unschuldig, er ist doch nur ein Kind, wiederholte sie in Gedanken. Aber als sie sah, wie die Mutter Lukas Lippen abwischte, erinnerte sie sich daran, wie dieselbe Mutter ihr die Lippen blutig geschlagen hatte, nur weil sie es gewagt hatte zu weinen.

— Oh, Vesna, du bist gekommen? — Die Stimme der Mutter änderte sich augenblicklich. Die Wärme verschwand und machte einem trockenen, fordernden Ton Platz. — Luka wird auf ein Privatgymnasium gehen. Wir haben entschieden, dass er die beste Ausbildung bekommen soll. Petar schafft es nicht allein, und du… na ja, du hast keine Familie, deine Ausgaben sind gering. Du wirst deinem Bruder helfen müssen.

Vesna sah auf Lukas Spielzeug, dann auf die Mutter.
— Mama, hast du mich jemals auch nur ein einziges Mal so umarmt, wie du ihn umarmst?
— Fang nicht wieder mit deinem Unsinn an, — die Mutter verzog das Gesicht. — Du warst anders. Du warst eine Last. Du hast mich mit deiner Anwesenheit erstickt. Und Luka… er ist meine Hoffnung. Du bist verpflichtet, für ihn zu zahlen. Ich habe dich großgezogen, jetzt bist du dran.

Vesnas Blick fiel auf den alten Gürtel, der in der Ecke hing. Er war noch da. Dieselbe kupferne Schnalle, dasselbe abgenutzte Leder. Aber plötzlich spürte sie, dass ihr Herz nicht mehr schneller schlug. Die Angst, die sie jahrelang gelähmt hatte, war verschwunden. Sie sah den Gürtel an wie einen gewöhnlichen, nutzlosen Gegenstand, der keine Macht mehr über sie hatte.

— Ich schulde dir nichts, Mama, — sagte Vesna ruhig. — Ich habe meine Schuld mit meiner zerbrochenen Kindheit bezahlt und mit all den Nächten, in denen ich am Bahnhof auf deinen Anruf gewartet habe.

— Du bist undankbar! — schrie die Mutter und sprang auf. — Du bist nicht einmal eine Frau, du bist ein Stein. Niemand wird dich lieben, weil in dir keine Liebe ist. Verschwinde von hier!

Vesna drehte sich um und ging hinaus. Als sie die Treppe hinunterging, hörte sie die hysterischen Schreie der Mutter. Sie trat auf die Straße und blieb stehen. Das war Freiheit. Aber es war eine grausame Freiheit.

Sie wusste, dass sie sich nicht mehr vor dem Gürtel fürchtete, aber sie wusste auch etwas anderes. Die Liebe, die die Mutter Luka schenkte, würde für sie für immer ein „gestohlenes“ Märchen bleiben. Sie hatte sich von der Mutter befreit, aber sie war an das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit gefesselt.

Ich kann lieben, flüsterte sie sich selbst zu, doch ihre Hände zitterten. Sie verstand, dass sie ihr ganzes Leben lang nach der Wärme suchen würde, die die Mutter Luka gegeben hatte, und dass sie immer zweifeln würde, ob sie ihrer würdig war. Sie war frei, aber diese Freiheit war wie eine Wüste — weit, mächtig, aber furchtbar einsam. Sie war als Frau stärker geworden, doch als zukünftige Mutter stand sie nun am Rand eines Abgrunds: Würde sie ihr Kind umarmen können, ohne in ihm die Projektion ihrer eigenen Niederlagen zu suchen?

Der Preis der Befreiung war, das eigene Herz zu Eis werden zu lassen, damit es nicht mehr schmerzte.