DER GESCHMACK VON KALTEM TEE

👁 86 Aufrufe

Am Rand von Chișinău, wo die Straßen schmal und still werden, stand ein altes Haus. Auf seinem Balkon, der von wildem Wein überwuchert war, erschien jeden Tag zur gleichen Stunde eine alte Frau – Frau Elena.

Sie war immer sorgfältig gekleidet, trug ihre beste Perlenkette und ein gebügeltes Kleid, als würde sie genau in diesem Moment den wichtigsten Gast ihres Lebens erwarten. Auf dem Tisch standen zwei Tassen Tee. Aus der einen trank sie Schluck für Schluck, die andere blieb unberührt und stieß still Dampf aus, bis der Abendwind der Stadt ihn abkühlte.

Die Nachbarn kannten ihre Geschichte. Vor zehn Jahren war ihr Sohn Ion ins Ausland gegangen, um zu arbeiten, und hatte versprochen, an seinem Geburtstag zurückzukehren.

Seit jenem Tag bereitete sich Frau Elena jeden Tag auf seine Ankunft vor. Die junge Luminitsa, die im Haus gegenüber wohnte, grüßte sie jeden Morgen.

— Frau Elena, warten Sie heute wieder? — fragte Luminitsa manchmal vorsichtig.

— Er wird kommen, Luminitsa. Er hat es versprochen. Mein Sohn hält sein Wort, — antwortete Elena ruhig, aber mit unerschütterlicher Gewissheit.

Die Nachbarn zuckten mit den Schultern und hatten Mitleid mit der naiven Frau, die an ihren vom Erfolg geblendeten Sohn glaubte. Wahrscheinlich hatte er eine Familie gegründet und wollte sich nicht mehr an seine arme Mutter und das kleine Viertel erinnern, das sein eigenes Leben führte.

Frau Elena las nicht einmal die Briefe, die aus der Ferne kamen. Sie hatte Angst, darin die Worte „Ich komme nicht“ zu finden.

Eines Tages blieb der Balkon leer. Die Teetassen wurden nicht auf den Tisch gestellt. Luminitsa, für die der Tag immer damit begann, dem vertrauten Ritual von Frau Elena zu folgen, wurde unruhig. Sie rief ihren Mann.

Als die Leute das Haus betraten, saß Frau Elena im Sessel, reglos, mit einem erstarrten Blick, der auf das Fenster neben ihr gerichtet war, durch das ein Bündel Sonnenlicht auf ihre blasse Wange fiel. In der einen Hand hielt sie fest das alte Foto ihres Sohnes, in der anderen einen ungeöffneten Umschlag.

Im Umschlag war der letzte Brief ihres Sohnes. Darin stand: „Mama, ich habe das Ticket schon gekauft. Morgen, an meinem Geburtstag, wie ich es versprochen habe, werde ich zu Hause sein.“ Der Brief war auf ein Datum vor fünf Jahren datiert. Der Sohn war nie nach Hause gekommen – wegen eines Unfalls auf dem Weg. Aufgrund der schweren Verbrennungen hatte man den Körper nicht identifizieren können, und so hatte man ihn beerdigt. Doch die Mutter hatte in ihrem Herzen auf ihn gewartet – bis zu ihrem letzten Atemzug, ohne die Wahrheit zu erfahren oder vielleicht, ohne sie erfahren zu wollen …