Der Asphalt war heiß, doch Rei spürte diese Wärme nicht. Ihre Welt hatte sich auf 200 Meter verengt – die Distanz, die sie noch vom Wechselpunkt trennte. Als das Geräusch eines brechenden Knochens ihr Ohr erreichte und ein stechender Schmerz wie ein Blitz durch ihr Gehirn fuhr, stürzte sie zu Boden.

In diesem Augenblick begann in ihr ein Kampf, grausamer als jeder Wettlauf zuvor. Nur ein halber Schritt trennte sie davon, die Laufbahn zu verlassen. Eine kleine Bewegung – und das Leiden wäre vorbei gewesen: Die Ärzte wären herbeigeeilt, hätten ein Schmerzmittel gespritzt, und sie wäre einfach eine „verletzte Athletin“ gewesen. Doch für Rei war dieser halbe Schritt ein Abgrund. Das „Tasaki“, das von ihrer Schulter hing – dieses Stoffband – war kein gewöhnlicher Gegenstand. Es trug den Schweiß vieler Monate, die Hoffnung und den Glauben ihrer Teamkameradinnen. Die Bahn zu verlassen hätte bedeutet, all das auszulöschen.
„Wenn ich stehen bleibe, bleibt das Team wegen mir stehen“ – diese Verantwortung war stärker als der gebrochene Knochen. Und sie entschied sich für den unmenschlichen Kampf gegen den Asphalt und gegen ihren eigenen Schmerz.
Sie konnte nicht aufstehen, aber sie konnte auch nicht aufgeben. In diesem Moment hörte Rei Iida auf, nur eine Läuferin zu sein. Die Zähne zusammenbeißend begann sie, auf den Knien vorwärtszukriechen. Ihre Knie rieben über den harten Asphalt, die Haut riss auf, und Blutspuren blieben auf der Strecke zurück – stumme Zeugen ihres Leidens. Das Publikum, das noch Sekunden zuvor gejubelt hatte, begann, diese paar hundert Meter Albtraum mit ihr zu durchleben – ein- und auszuatmen im Rhythmus ihres schweren Atems.
Aus der Ferne waren die verzweifelten Schreie des Trainers zu hören: „Haltet sie auf! Stoppt den Lauf!“ Sein Befehl sollte die Kampfrichter erreichen, doch im allgemeinen Lärm des Stadions, im technischen Chaos und in der menschlichen Fassungslosigkeit gingen seine Rufe unter. Die Offiziellen gingen neben Rei her – verwirrt und hilflos, unschlüssig, ob sie eingreifen oder dieses unglaubliche Durchhaltevermögen zulassen sollten.
„Nur noch bis zum Ziel …“ – vielleicht war das ihr einziges Gebet.
Am Wechselpunkt stand ihre Teamkameradin. Sie hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und weinte, als sie sah, zu welchem Preis ihre Freundin sich ihr näherte – für ihre gemeinsame Sache. Das war mehr als Sport. Es war der Sieg des menschlichen Geistes über Materie und Schmerz. Als Rei schließlich die Linie erreichte, waren ihre Knie offene Wunden, ihr Gesicht vor Schmerz verzerrt. Mit letzter Kraft streckte sie das blut- und staubbedeckte Band aus. Kaum war das „Tasaki“ übergeben, brach Rei erschöpft in die Arme der Ärzte zusammen.
Im Oktober 2018 erschütterte diese Tat der 19-jährigen Rei Iida beim Frauen-Teammarathon (Ekiden), dem Princess Ekiden in Japan, die Sportwelt. Der japanische Leichtathletikverband überarbeitete daraufhin die Regeln. Trainer und Ärzte erhielten größere Befugnisse, den Einsatz einer Athletin einseitig zu beenden, wenn eine ernsthafte Gesundheitsgefährdung besteht – selbst wenn die Sportlerin sich weigert aufzuhören.
Die Sportwelt begann zu diskutieren: Wo endet „Willenskraft“ und wo beginnt „Selbstquälerei“? Es wurde zu einer Lektion darüber, dass das Leben und die Zukunft einer Athletin wertvoller sind als jeder Titel.
Eine neue Definition von Hingabe. Rei Iida wurde zur lebenden Legende. Ihre blutigen Knie und jene paar hundert Meter über den Asphalt erinnern uns alle daran, dass die größten Siege manchmal nicht auf dem Siegerpodest errungen werden, sondern dort, wo ein Mensch sich weigert aufzugeben – selbst wenn der Körper längst nicht mehr gehorcht.
