DIE IM BLUT GELÖSTE WAHRHEIT

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Das alpine Hochland-Herrenhaus schien von der Welt abgeschnitten zu sein. Die schneebedeckte Stille wurde nur vom Dröhnen des Motors eines schweren, gepanzerten Geländewagens unterbrochen. Dr. Elias Vorn stieg aus dem Wagen – ein weißhaariger, eleganter Mann, dessen Gesicht von absoluter Selbstzufriedenheit gezeichnet war. Er rückte das goldene Abzeichen zurecht, das er auf der letzten Konferenz in Sankt Petersburg erhalten hatte, und betrat mit leichtem Schritt das Gebäude.

Drinnen war es gemütlich. Der Kamin brannte, und auf dem Tisch standen teure Getränke. In der Tiefe des Raumes saß in einem Sessel ein junger schwarzer Mann in einem tadellosen Anzug.

— Seien Sie gegrüßt, mein Lieber,— sagte Vorn mit einem breiten Lächeln, während er auf den Tisch zuging. Er setzte sich in den gegenüberliegenden Sessel und musterte den Raum.— Ich muss gestehen, ich bin überaus überrascht. Ein Treffen an einem so abgelegenen, fast unzugänglichen Ort zu vereinbaren… Das ist intrigant. Die in Ihrem Brief erwähnte Investitionssumme hat mich dazu bewegt, diesen Weg auf mich zu nehmen, aber diese Umgebung deutet darauf hin, dass wir über nicht standardisierte Projekte sprechen werden.

Der junge Mann namens Kofi zog langsam seine Handschuhe aus. In seinen Bewegungen lag eine Kälte, die eisiger war als die schneebedeckten Gipfel vor dem Fenster.

— Sie haben recht, Dr. Vorn. Wir werden über Ihr größtes, aber unvollendetes Projekt sprechen,— sagte Kofi leise, fast flüsternd.

Noch bevor Vorn etwas fragen konnte, schalteten sich die Bildschirme an den riesigen Wänden des Raumes ein. Die ersten Aufnahmen strahlten Humanität und Wärme aus. Es waren Videos von vor 15 Jahren. Ein kleines, kriegsmüdes afrikanisches Dorf. Und dort war Dr. Vorn – jung, voller Energie, im weißen Kittel, umringt von einheimischen Kindern. Er lächelte, umarmte sie, verteilte Wasser und Medikamente. Die Kamera hielt fest, wie er sorgfältig die Hand einer alten Frau verband und verzweifelten Vätern versprach, dass „alles gut werden wird“. Sein Image verkörperte opferbereite Wohltätigkeit und Rettung.

Vorn entspannte sich im Sessel, als er diese Aufnahmen sah. Er dachte, dies sei eine weitere Zeremonie zu seinen Ehren. Das selbstgefällige Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück.

— Oh, das waren wunderbare Zeiten,— sagte er nostalgisch.— Diese Menschen waren so hilflos, und ich…

— Und Sie haben ihre Hilflosigkeit ausgenutzt,— unterbrach ihn Kofi mit einem metallischen Unterton in der Stimme.

In einem Augenblick änderte sich das Bild auf dem Bildschirm. Der Schleier des Humanismus wurde zerrissen, und darunter kam das Monster zum Vorschein. Die Kamera zeigte keine Wohltätigkeit mehr. Dies war ein unterirdisches Labor. Derselbe Vorn, aber diesmal ohne Lächeln, mit einem kalten, geschäftsmäßigen Blick, injizierte eine transparente, blau leuchtende Flüssigkeit in die Wunden von Schwerverletzten des Krieges. Ihre Angehörigen – Frauen und Kinder – standen hinter einer Glasscheibe, Hoffnung und Entsetzen in den Augen.

Doch die „Rettung“ kam nicht. Minuten nach der Injektion begannen sich die Körper der Menschen in unnatürlichen Krämpfen zu winden. Die Haut schälte sich ab, Blut floss aus Augen und Mund. Im Video versuchte Vorn nicht zu helfen; er hielt die Dauer des Todes mit einer Stoppuhr fest und machte gleichgültig Notizen, ohne die verzweifelten Schreie und das Klagen hinter dem Glas zu hören.

Das Blut wich aus Vorns Gesicht. Er versuchte aufzustehen, doch Kofis Handlungen waren blitzschnell. Wenige Sekunden später war der Wissenschaftler an seinen eigenen Samtsessel gefesselt, immobilisiert durch ein seltsames Tropfsystem, das Kofi fachmännisch an seine Arterie anschloss.

Was Kofi sagte und tat, war in seiner Form und seinem Grund entsetzlich.

Kofi beugte sich zum Gesicht des Wissenschaftlers – in seinem Blick lag der aufgestaute Hass von Jahrzehnten.

— Sie haben meinen Vater vor meinen Augen getötet, Doktor. In den Aufnahmen, in denen Sie die Hand der alten Frau verbanden, haben Sie einfach nur das nächste Opfer ausgewählt. Ihr Humanismus war so falsch wie Ihr ganzes Leben. Sie kamen in unser Land und nutzten den Krieg aus, um Ihr Serum an Menschen zu testen, die niemand zählen würde.

Vorn versuchte zu schreien, aber seine Stimmbänder waren gelähmt. Kofi hatte ihm eine Substanz injiziert, die ihn der Fähigkeit beraubte, sich zu bewegen oder zu sprechen, aber die Schmerzwahrnehmung verzehnfachte.

— Sie dachten, ich sei nur ein verängstigtes Kind,— fuhr Kofi fort, während er kaltblütig die Geschwindigkeit des Tropfes regulierte.— Aber ich habe von Ihnen gelernt. Ich habe alle Ihre Notizen gesammelt, die Überreste Ihres Labors. Ich habe Jahre damit verbracht, die Wissenschaft zu studieren, um zu verstehen, wie Sie uns getötet haben. Und ich habe Ihr Serum perfektioniert.

Kofi führte seine Hand zum Tropf, in dem dieselbe blaue Flüssigkeit floss.

— Ihre Version tötete schnell. Meine Version tut das nicht. Dieses Serum, Doktor, wird Ihre Zellen nicht endgültig sterben lassen. Sie werden spüren, wie Ihr Körper zerfällt, aber die Nervenenden werden lebendig und hochempfindlich bleiben. Jeder Atemzug wird schmerzhaft sein, jede Berührung brennend. Sie werden die Qualen jedes Ihrer Opfer spüren – vertausendfacht.

Kofi nahm seine Handschuhe und ging zur Tür. Er hielt an der Schwelle an, warf einen letzten Blick auf den Mann, den die Welt als Helden feierte, und fügte hinzu:

— Sie sagten immer, dass die Wissenschaft Opfer fordert. Heute, Dr. Vorn, sind Sie das einzige und ewige Exemplar dieser Wissenschaft.

Die Tür schloss sich und ließ Vorn in vollkommener Stille zurück, in der nur das ferne Röcheln der Sterbenden von den Bildschirmen und das langsame, qualvolle Pochen seines eigenen Herzens zu hören war.

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