DER ARZT, DER ENTSCHIED, WER LEBEN DARF

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Doktor Stojanow war einer der angesehensten Chirurgen Sofias. Unter seinen Händen kehrten Menschen vom Rande des Todes zurück, und sein Name klang voller Vertrauen – wie die letzte Hoffnung.

Er irrte sich nicht. Jahrelang hatte er sich nicht geirrt.

Er hatte gelernt, in den Gesichtern der Menschen wie in offenen Büchern zu lesen. In der Tiefe ihrer Augen sah er die Vergangenheit, die Schuld, die Güte und die Menschlichkeit. Und dieses Wissen hatte ihm nicht nur die Zuversicht eines Arztes, sondern auch die eines Richters verliehen.

DIE LAST DER WAHL

In jener Nacht erstickte der kalte Wind, der von den Witoscha-Bergen herabwehte, die Stadt. Der Regen trommelte gegen die Scheiben wie ein unruhiges Herz gegen die Brust.

Ein Krankenwagen hielt vor dem Krankenhaus. Zwei Männer, beide an der Schwelle zum Tod.

— Doktor, es bleibt keine Zeit! — schrie die Krankenschwester beinahe. — Der Zustand des jungen Mannes ist kritisch. Wir verlieren ihn!

Das Geräusch des Monitors war abgehackt. Beschleunigt. Unruhig.

Stojanow blickte auf den Ersten. Jung. Teure Kleidung. Der Geruch von Alkohol, vermischt mit Blut. Auf seinem Gesicht war ein seltsames Spötteln erstarrt, das in dem Arzt sofort Verachtung weckte.

„Goldene Jugend…“, schoss es ihm durch den Kopf. „Jene, die glauben, alles gehöre ihnen. Sogar das Leben der anderen.“

— Ein Autounfall, es sind die Fahrer zweier kollidierter Wagen, Doktor, — versuchte der Notarzt keuchend die Umstände schnell darzulegen.

Stojanow wandte sich dem Zweiten zu. Ein Mann mittleren Alters. Ein abgenutzter Mantel. Ein bleiches Gesicht. Halbgeöffnete Augen voller stummem Schmerz. Hier war es, das Opfer des Raubtiers.

Die Hand des jungen Mannes bewegte sich einen Moment lang. In seinen Fingern war ein kleines Stück Papier zusammengepresst, vom Blut durchtränkt.

— Wen nehmen wir zuerst? — fragte die Krankenschwester mit zitternder Stimme.

Einige Sekunden. Ein ganzes Leben. Und dann die kalte Entscheidung:

— Ihn, — sagte Stojanow und deutete auf den Zweiten.

— Aber der junge Mann…

— Ich sagte: Ihn!

Das Signal des Monitors im Nebenraum begann langsamer zu werden. Doch Stojanow hatte sich bereits abgewandt. Er hatte gewählt…

AM RANDE DES ABGRUNDS

Die Operation zog sich hin wie ein unvollendetes Urteil.

Der Schweiß rann ihm von der Stirn. Seine Hände bewegten sich präzise, kaltblütig, unfehlbar. Er tat das, was er immer getan hatte: Er rettete.

Schließlich war alles vorbei.

— Er ist stabil, — flüsterte er. In diesem Moment wurde in ihm ein seltsames Gefühl von Stolz und Ruhe geboren – jenes Gefühl, das entsteht, wenn man den Triumph der Gerechtigkeit genießt. Er war der Urheber dieser Wiederherstellung des natürlichen Gleichgewichts.

Doch was er nach der Operation erfuhr, vernichtete ihn moralisch und verwandelte sein gesamtes System von Grundsätzen zu Asche…

DIE ERNÜCHTERUNG

Im Korridor erwartete ihn Inspektor Iwanow. Sein Blick war schwer. Ausweichend.

— Doktor… Haben Sie ihn gerettet?

— Ja, Major, das Leben dieses armen Mannes konnte gerettet werden. Ich bin froh, dass er zu seiner Familie zurückkehren wird.

— Sie haben einen interessanten Beruf, Doktor. Für Sie sind moralische Normen zweitrangig, wenn es um das Leben eines Menschen geht. Ich nehme an, für den jungen Mann gab es keine Hoffnung, da Sie den anderen in den Operationssaal brachten. Wir haben unterdessen die Einzelheiten des Vorfalls geklärt. Augenzeugen berichteten, Aufnahmen von Überkameras bestätigten es.

Doktor Stojanow blickte gleichgültig auf seine Uhr. Der Inspektor fuhr fort.

— Der Mann, den Sie gerade gerettet haben… er wurde steckbrieflich gesucht.

Stojanow glaubte einen Moment lang nicht, was er hörte.

— Was? — Er begann unruhig an seinen Fingern zu reiben. Der Inspektor redete weiter.

— Ja, wir suchten ihn seit Langem, er ist ein Dieb. In jener Nacht hatte er das Lager einer Apothekenkette ausgeraubt und floh mit hoher Geschwindigkeit.

Stojanow spürte, wie es vor seinen Augen dunkel wurde. Er verlor das Gefühl für Zeit und Raum, sein Herz begann so schnell zu klopfen, dass es schien, als würde es jeden Moment aus seiner Kehle springen. Die Stimme des Inspektors klang bereits wie aus weiter Ferne.

— Und der Unfall… wer war schuld am Unfall? — fragte Stojanow mit zitternder Stimme, wie nach einer letzten Hoffnung greifend.

— Er war es.

Die Stille wurde schwer, grabesähnlich. Erstickend.

— Und… der junge Mann? — brachte Stojanow mühsam hervor.

Der Inspektor sah ihn einen Moment lang an. Dann sagte er leiser, aber mit noch größerem Gewicht:

— Er war Student an der medizinischen Universität.

Stojanow bewegte sich nicht.

— Er hatte gesehen, wie dieser Mann auf der nassen Straße die Kontrolle über den Wagen verlor und auf die Menschenmenge an der Haltestelle zuraste.

— Und…

— Er versperrte den Weg mit seinem eigenen Wagen, um ihn aufzuhalten.

Diese Worte blieben in der Luft hängen.

— Und der Geruch von Alkohol? — fragte Stojanow mechanisch.

— Er transportierte medizinischen Bedarf für das Krankenhaus. Die Flaschen waren beim Aufprall zerbrochen und über seine Kleidung gelaufen.

Stille. Und der finale Schlag:

— Er wollte Arzt werden. Er arbeitete nach den Vorlesungen…

DER EINSTURZ

Stojanow blickte auf seine Hände. Jene Hände, die gerade einen Verbrecher gerettet hatten. Jene Hände, die zugelassen hatten, dass jemand starb, der versuchte, andere zu retten.

Er ging zum Waschbecken, drehte das Wasser auf. Das Wasser floss, er rieb seine Finger unter dem Strahl, doch es schien, als ließe sich etwas nicht abwaschen. Nicht in jener Nacht. Nicht von diesen Händen. Er war nicht mehr in der Hülle des Arztes. Er sah sich selbst von außen als einen Menschen, der entschieden hatte, wer lebenswürdig sei. Und… er hatte sich dort geirrt, wo der Irrtum unumkehrbar ist. Wie sollte er jetzt damit leben… Was war seine innere Selbstgewissheit und jene Prinzipien, auf die er immer stolz gewesen war, noch wert? Wie sollte er nun seinem Sohn in die Augen schauen, der fast im Alter jenes jungen Mannes war?

NACHWORT

In jener Nacht wurde die Stille in den Korridoren des Sofia-Krankenhauses zu seinem Richter. Niemand beschuldigte ihn. Doch er beschuldigte sich selbst, und das war weitaus schrecklicher. Denn er fühlte sich als Verurteilter – verurteilt durch sich selbst.

Und plötzlich dachte er, dass er vielleicht gefährlicher sei als jener Dieb, der vor der Verhaftung floh. Denn die gefährlichsten Menschen sind nicht jene, die Böses tun, sondern jene, die glauben, a priori das Recht zu haben, zu entscheiden, wer leben darf…

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