WENN EIN SCHLUSSPUNKT ZUM ANFANG WIRD

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Für Giorgi begann dieser Morgen früher als gewöhnlich. Lange betrachtete er im Spiegel sein gebügeltes Hemd und die blaue Krawatte – genau jene, die ihm seine Frau Nino zu seinem letzten Geburtstag geschenkt hatte. Seit drei Jahren war Nino nicht mehr da, und die Stille des Hauses war zu seinem einzigen ständigen Begleiter geworden.

Die Arbeit war seine Festung gewesen. Dort war er nicht einfach „der pensionierte Giorgi“, sondern der Chefingenieur, der Mann, dessen Meinung zählte, den man brauchte.

Im Büro in Tiflis schien die Luft verdichtet. Giorgi ging durch die Flure und spürte, wie sich mit jedem Schritt ein Faden zwischen ihm und diesen Wänden löste. Die Kollegen kamen auf ihn zu, schüttelten ihm die Hand, doch er fühlte deutlich diese unsichtbare Grenze: Er war bereits „am anderen Ufer“, während sie noch im pulsierenden Leben standen.

Lewan, enthusiastisch und noch unerfahren im Leben, klopfte ihm leicht auf die Schulter.
— Herr Giorgi, stellen Sie sich vor – endlich Freiheit! Kein Wecker, keine Berichte, kein Stress mit diesen Deadlines. An Ihrer Stelle würde ich sofort ein Ticket kaufen und zu meinen Kindern nach Europa fliegen.

Giorgi lächelte still und senkte den Blick. Er sagte nicht, dass die Anrufe der Kinder nur einmal pro Woche kamen und dass er in ihrem schnellen, erfüllten Leben lediglich ein respektierter Gast wäre – einer, der sich an fremde Gewohnheiten anpassen müsste.

Kurz darauf trat Surab zu ihm. In seinem Blick lag keine Bewunderung, sondern verborgene Angst. In einem Jahr würde auch er an derselben Schwelle stehen.
— Giorgi, begann er leise, was wirst du jetzt tun? Wir sind es gewohnt, nützlich zu sein, gewohnt, dass unser Wort Gewicht hat. Wohin wirst du all deine Energie und Erfahrung legen?

Diese Frage traf Giorgi ins Herz. Er begriff, dass für ihre Generation Arbeit niemals nur Pflicht gewesen war; sie war die einzige Quelle ihres Selbstwerts, ihre Verbindung zur Wirklichkeit.


Am Ende des Tages wurden alle in den Sitzungssaal gerufen. Auf dem Tisch standen bescheidene Speisen – georgische Süßigkeiten und Wein –, und in der Mitte lag ein großes, schön verpacktes Geschenk. Der Direktor sprach lange und warmherzig über Giorgis Verdienste und seine Unersetzlichkeit.

— Herr Giorgi, Sie sind eine der tragenden Säulen dieses Unternehmens, sagte er und überreichte ihm die Ehrenurkunde und das Präsent.

Applaus brandete auf. Alle lächelten, machten Fotos mit ihm. Giorgi stand im Mittelpunkt dieser Aufmerksamkeit – und fühlte doch eine seltsame Leere in sich. Er dankte, die Stimme leicht zitternd. Als er den Raum ein letztes Mal mit den Augen maß, begriff er, dass dieser festliche Lärm nur der schöne Schlusspunkt eines Buches war, das er soeben geschlossen hatte.

Er verließ das Gebäude mit der Urkunde unter dem Arm – sie würde kein einziges Problem mehr lösen, doch sie trug die Erinnerung an ein ganzes Leben in sich.

Seine Schritte führten ihn dorthin, wo er immer Frieden fand.

In der Abenddämmerung, in der Stille eines alten Tifliser Friedhofs, beugte er sich über Ninos Bild, das ihn an diesem Tag besonders traurig anzusehen schien. Giorgi flüsterte:

„Heute war der letzte Tag, meine Liebe. Zum letzten Mal hat man mich Herr Giorgi genannt. Zum letzten Mal hatte ich das Gefühl, in dieser Welt etwas zu entscheiden. Ab morgen bin ich nur noch ein Mensch, der auf Abendanrufe und auf das Brot in der Schlange wartet. Diese Arbeit hat mich aufrechtgehalten, damit ich nach dir nicht zerbreche…“

Er spürte, wie er sich beinahe mit dem letzten Rest des verschwindenden Lichts auflöste.

Giorgi kehrte nach Hause zurück. Er schaltete das Licht ein, setzte sich jedoch nicht auf seinen gewohnten Platz vor dem Fernseher. Er trat ans Fenster. Auf der Straße atmete Tiflis, eilte, lebte; in der Ferne war das leise Geräusch eines fahrenden Zuges zu hören.

Plötzlich blieb sein Blick am Bücherregal hängen, an einem alten Notizbuch neben den Büchern. Darin hatte Nino vor Jahren ihre unerfüllten Träume notiert. Sein Blick glitt über die Liste; vor seinem inneren Auge erschien der Moment, in dem sie halb im Scherz diese Punkte ergänzt und ihn spielerisch getadelt hatte, weil er ihr nicht geholfen hatte.

Bei einem Eintrag blieb er stehen: „Malen lernen.“ Dafür hatte er nie Zeit gehabt.

Ein seltsames, scharfes Beben durchfuhr ihn – jenes ungewisse Gefühl, das man vor einer Reise verspürt. Er wusste nicht, was er morgen um neun Uhr tun würde. Doch zum ersten Mal seit dreißig Jahren tötete ihn dieses Nichtwissen nicht – es befreite ihn.

Er nahm die Krawatte ab, legte sie auf den Tisch und öffnete das Fenster. Frische Luft strömte ins Zimmer.

Dies war kein Ende.
Dies war die erste Nacht eines neuen, unbekannten – und vielleicht gerade deshalb faszinierenden – Lebens.