Ich dachte immer, der Tod müsse laut kommen.
Wie eine Explosion. Wie ein Feuer.
Doch jetzt, da er still neben meinem Bett sitzt, verstehe ich: Der Tod kommt leise.
Die Nacht von Beirut gleitet durch das Fenster ins Zimmer.
Die Stadt hat sich längst verändert, doch ich höre noch immer die Geräusche, die andere schon lange nicht mehr hören.
Über Beirut liegt eine Stille, die der Stille vor einer Explosion ähnelt.
Eine Stille wie in jenen Jahren, als die Stadt von Schüssen und Detonationen zerrissen wurde.
Der Krieg, der 1975 begann, teilte unser Leben in zwei Hälften.
In das Leben vor dem Krieg.
Und in das Leben danach – wenn ein Mensch nie wieder derselbe ist.
Ich liege jetzt in einem Krankenhausbett.
Auf dem Tisch liegt ein altes Foto.
Ein Mädchen schießt aus der Ecke einer Mauer.
Ihr Haar ist vom Wind zerzaust.
Ihre Augen sind entschlossen.
Dieses Mädchen war ich.
Ich war zwanzig.
DIE NACHT, IN DER BEIRUT BRANNTE
Es war die Nacht des 6. Mai.
1976.
Beirut kämpfte bereits seit Monaten gegen sich selbst.
Die Stadtviertel waren wie zerbrochenes Glas auseinandergerissen.
In jener Nacht waren wir dreizehn Mädchen.
Wir gehörten zu einer christlichen Jugendgruppe der Phalangisten.
Wir hielten uns nicht für Soldaten.
Wir hielten uns für Verteidiger.
Unsere Stellung war ein großes steinernes Gebäude im Zentrum von Beirut.
Es war kein Hotel und keine Kaserne.
Nur ein hohes Gebäude, das eine wichtige Straßenkreuzung überblickte.
Wer dieses Gebäude hielt, kontrollierte das ganze Viertel.
Deshalb kamen sie, um es uns zu nehmen.
Viele von ihnen.
Sehr viel mehr als wir.
Ich erinnere mich an den Geruch im Gebäude.
Staub.
Alter Beton.
Und Schießpulver.
Wir hatten Positionen an den Fenstern eingenommen.
Unser Kommandant versuchte ruhig zu sprechen, doch ich hörte seinen Atem.
„Sie kommen“, sagte jemand.
Zwanzigjährige Mädchen glauben oft, man könne die Angst mit Glauben besiegen.
In jener Nacht glaubte ich an alles.
An Gott.
An unsere Sache.
Und daran, dass wir nicht verlieren würden.
Der erste Schuss kam von draußen.
Die Fenster zerbarsten.
Der Lärm erfüllte den Raum.
Ich blickte um die Mauerecke und drückte den Abzug.
Dann wieder.
Und wieder.
In diesem Moment war ich kein Mädchen mehr.
Ich war nur jemand, der versuchte, dieses Gebäude zu halten.
Die Zeit verlangsamte sich.
Eine Stunde.
Zwei.
Drei.
Wir waren immer noch dort.
DAS FOTO UND DIE ERKENNTNIS
Sechs Stunden später begannen sie sich zurückzuziehen.
Später erzählte man mir, einer der gegnerischen Kommandeure sei durch unsere Schüsse gefallen.
Ich habe nie erfahren, ob es meine Kugel war.
Aber ich erinnere mich an die Stille danach.
Im Krieg ist Stille das seltsamste Geräusch von allen.
Ein paar Tage später zeigte mir jemand ein Foto.
Ein Fotograf hatte genau den Moment festgehalten, als ich aus der Mauerecke schoss.
Das Bild verbreitete sich überall.
Zeitungen.
Plakate.
Geschichten.
Die Menschen begannen, mich die „Jeanne d’Arc des Libanon“ zu nennen.
Ich verstand nicht warum.
Ich war nur ein Mädchen, das in jener Nacht nicht geflohen war.
Jahre später legte ich die Waffen nieder.
Nicht, weil ich den Krieg vergessen hatte.
Sondern weil ich ihn zu gut in Erinnerung hatte.
Ich begann Theologie zu studieren.
Ich arbeitete mit Frauen, mit Familien, mit Menschen, die alles verloren hatten.
Manche sagten, ich hätte mich verändert.
Doch in Wahrheit hatte ich nur etwas verstanden.
Im Krieg gibt es keinen Sieg.
Es gibt nur Reue, die später kommt.
Jetzt betrachte ich dieses Foto wieder.
Das Mädchen ist immer noch dort.
In der Mauerecke.
Mit dem Gewehr in der Hand.
In ihren Augen brennt dasselbe Feuer, das Zwanzigjährige haben, wenn sie glauben, die Welt mit Waffen retten zu können.
Ich sehe sie lange an.
Und flüstere:
„Du wirst noch viel lernen, Mädchen.“
Die Nacht von Beirut strömt weiter durch das Fenster.
Die Stadt, die einst im Feuer der Schüsse brannte, ist jetzt still.
Und ich verstehe etwas, das die zwanzigjährige Jocelyne niemals hätte begreifen können.
Der größte Sieg meines Lebens war nicht jene Nacht, in der wir dieses Gebäude hielten.
Mein größter Sieg war der Tag, an dem ich endlich glaubte,
dass man die Welt auch verteidigen kann, ohne zu schießen.
…
Das Atmen fällt mir schwer.
Die Nacht von Beirut kommt noch immer durch das Fenster.
Doch ich höre keine Schüsse mehr.
Nur Frieden.

