— Anja, nimm sie. Ich kann nicht mehr. Schon sie zu berühren ist für mich widerlich…
Elisas Hände zitterten. Das einmonatige Baby, in eine dicke Wolldecke gewickelt, um es vor der slowenischen Kälte zu schützen, schrie laut. Anja nahm ihre Nichte vorsichtig in die Arme und sah ihre Schwester mit kaltem Blick an.

— Gut. Aber das ist deine endgültige Entscheidung, Elisa. Es gibt keinen Weg zurück. Sei so standhaft wie diese Berge.
— Welcher Weg zurück… Nimm sie. Ich brauche sie nicht. Sie erstickt mich.
Die kleine Maja war erst vor wenigen Wochen zur Welt gekommen. Elisa, eine bekannte Dozentin an der Universität Ljubljana, die acht Jahre um den Tod ihres Mannes getrauert hatte, war nach einem kurzen Urlaub an der italienischen Küste unerwartet schwanger geworden. Niemand verstand, warum die sonst so nüchterne und rationale Frau sich plötzlich seltsam verhielt. Mal kaufte sie wie besessen die besten Kinderwagen, mal schloss sie sich wochenlang zu Hause ein und beantwortete nicht einmal die Anrufe ihrer Mutter.
In der Entbindungsklinik war Elisa gerade dabei, die Verzichtserklärung zu unterschreiben, als Anja ins Zimmer stürmte.
— Das ist unser Blut, Elisa! Dieses Kind ist so rein wie die Julischen Alpen. Was tust du da?
— Sie ist mir fremd, Anja. Wenn ich ihr in die Augen sehe, sehe ich nur Dunkelheit.
Trotzdem brachte Elisa das Kind unter dem Druck der Familie nach Hause. Doch es war keine Mutterschaft, sondern ein grausames Ritual. Sie fütterte, badete und wickelte das Baby mechanisch, ohne ein Lächeln, ohne eine Zärtlichkeit – als hätte sie es mit einer Bombe zu tun. Schließlich, als Maja einen Monat alt war, übergab Elisa sie einfach ihrer Schwester und verließ die Stadt, wobei sie nur Leere zurückließ.
Anja wurde die offizielle Vormundin. Maja wuchs als echtes slowenisches Mädchen auf – lebensfroh, lebendig, frisch wie die Bergluft. Sie nannte Anja „Mama“ und wusste von Elisa nur, dass sie „die Tante ist, die weit weg lebt“.
Zwölf Jahre vergingen.
Anja und Maja saßen in ihrer gemütlichen Küche, als es an der Tür klingelte. Auf der Schwelle stand eine Frau in einem teuren Mantel, mit müden, erloschenen Augen. Es war Elisa.
— Mama, wer ist diese Frau? — fragte Maja neugierig.
— Ich bin Elisa… Ich bin deine Mutter, Maja, — ihre Stimme zitterte, doch die Worte waren scharf wie Eis.
Anja erstarrte. — Elisa, wir hatten doch eine Abmachung…
— Ich bin gekommen, um sie zu holen. Jetzt habe ich alles: ein Haus, Möglichkeiten. Sie soll bei mir in Maribor leben.
Maja, inzwischen fast so groß wie Anja, senkte den Blick nicht. In ihrer Stimme lag dieselbe Kälte, die Elisa früher gehabt hatte.
— Sie sind nicht meine Mutter. Meine Mutter ist hier. Und Sie sind nur eine Frau, die Angst vor Verantwortung hatte. Ich kenne Sie nicht und ich will Sie nicht kennen.
Elisa wollte näherkommen, doch Maja drehte sich um und verließ das Zimmer, wobei sie die Tür heftig zuschlug.
— Ich werde vor Gericht gehen, — flüsterte Elisa. — Sie ist mein Blut.
— Blut ist nur eine Flüssigkeit, Elisa. Liebe ist Leben, — antwortete Anja. — Du hast sie verlassen, als sie am schwächsten war. Jetzt ist sie stark und entscheidet selbst.
Der Gerichtsprozess dauerte Monate und wurde zu einem der meistdiskutierten Fälle in der Region. Doch Majas klare Ablehnung und ihre tiefe Bindung zu Anja ließen dem Richter keine andere Wahl. Das psychologische Gutachten bestätigte: Für ein Kind ist die Mutter diejenige, die liebt, nicht diejenige, die geboren hat.
Als alles vorbei war, trafen sich die Schwestern im Hof des Gerichts. Es regnete, der Nebel von Ljubljana lag über allem.
— Warum, Elisa? Warum jetzt? — fragte Anja.
— Ich wollte mein Leben korrigieren. Aber manche Seiten muss man wohl einfach herausreißen und verbrennen.
Elisa schwieg lange und blickte dann zu Maja, die in der Ferne stand.
— Anja… In jenem Sommer in Italien gab es keine Romanze. Ich wurde in einem Park angegriffen. Ich habe dieses Kind gehasst, weil ich in ihrem Gesicht jedes Mal das Gesicht des Täters sah. Ich konnte sie nicht lieben. Ich wollte nur sterben.
Anja war erschüttert. Sie umarmte ihre Schwester, und in diesem Moment schmolz das Eis zwischen ihnen.
— Erzähl es Maja nicht, — flüsterte Elisa. — Sie soll glauben, dass ich einfach schlecht bin. Aber sie soll nicht wissen, dass sie aus so einem Schrecken geboren wurde. Ich habe ein Konto auf ihren Namen eröffnet, das wird ihr beim Studium helfen. Ich gehe, Anja.

Elisa drehte sich um und ging in den Nebel. Zum ersten Mal fühlte sie sich leichter. Sie wusste, dass Maja in sicheren Händen war – und dass sie selbst endlich anfangen konnte zu atmen, indem sie den Albtraum der Vergangenheit hinter den Bergen ließ.
