Der Tasaday-Schwindel: Eine Sensation, die eine Lüge war

Im Jahr 1971 erschien in der sowjetischen Zeitschrift „Rund um die Welt“ ein Artikel, wonach der berühmte philippinische Politiker Manuel Elizalde bei einem Hubschrauberflug über den undurchdringlichen Dschungel der Philippinen Menschen gesichtet hatte. Getrieben von Neugier, „entdeckte“ er noch im selben Jahr den der Welt bisher unbekannten Stamm der Tasaday. Die Sensation verbreitete sich mit Lichtgeschwindigkeit um den Globus. Die neu entdeckte Gruppe schien in der Steinzeit stehen geblieben zu sein: Sie hatten absolut keine Ahnung, dass außer ihnen noch andere Menschen auf der Erde existierten. Sie bedeckten ihre nackten Körper mit Blättern, aßen nur das, was die Natur bot, und waren erstaunlich friedfertig.
Manuel Elizalde wurde schnell zu einem der am meisten diskutierten Männer der Welt. Mit seinem Privatjet flog er Journalisten, Politiker, Filmemacher und Weltstars – darunter Gina Lollobrigida und Charles Lindbergh – in den Dschungel, um das ‚Wunder‘ zu besichtigen. John D. Rockefeller gründete sogar eine Stiftung, um dem Stamm zu helfen.
1972 erklärte der philippinische Präsident Marcos den Lebensraum der Höhlenmenschen zum Nationalreservat. Das Gebiet wurde vom Militär bewacht und Besuche waren streng verboten. Alle Exkursionen wurden ausschließlich unter der Leitung von Elizalde organisiert, der sich selbst zum Beschützer des Stammes ernannt hatte.
Fünfzehn Jahre später fiel das Marcos-Regime, und die neue Führung der Philippinen hob alle Beschränkungen und Militärposten für das Reservat auf. Der Schweizer Anthropologe Oswald Iten beschloss daraufhin, die Tasaday zu besuchen, um das einzigartige Volk mit eigenen Augen zu sehen. Begleitet wurde er von dem philippinischen Journalisten Joey Lozano. Als sie jedoch im Reservat ankamen, fanden sie… nichts.
Nur wenige Kilometer vom Reservat entfernt entdeckten sie ein Dorf der Einheimischen. Doch diese Menschen waren keineswegs steinzeitlich: Sie trugen Jeans, Turnschuhe, rauchten Zigaretten und Marihuana. Die Ermittlungen des Anthropologen und des Journalisten ergaben, dass Elizalde genau diese Einheimischen in die Höhlen umgesiedelt und ihnen Kleidung, Zigaretten und Nahrung weggenommen hatte – unter der Bedingung, dass sie „ihre Rolle spielen“ würden.

Eine zweite Sensation ging um die Welt, diesmal unter dem Titel: ‚Das Volk, das es nicht gab‘. Internationale Fernsehsender eilten herbei, um Interviews mit den Bewohnern zu führen, die gegen Bezahlung über lange Zeit die Rolle der Steinzeitmenschen gespielt hatten.
Manuel Elizalde, der bereits weltberühmt war, floh 1983 nach Costa Rica und nahm 35 Millionen Dollar mit sich – Gelder, die über Jahre hinweg als Hilfe für die ‚Steinzeitmenschen‘ gesammelt worden waren. Doch das war noch nicht das Ende: 1988 kehrte Elizalde auf die Philippinen zurück und setzte sein Spiel fort. Er verklagte Professoren, die ihn einen Lügner nannten, und wurde 1993 sogar Botschafter der Philippinen in Mexiko. Er starb 1997 an Leukämie, und die 35 Millionen Dollar verschwanden spurlos in den ‚Höhlen der Steinzeit‘.
Dieser Fall gilt als einer der skandalösesten Betrugsfälle in der Geschichte der Anthropologie.
