Für die Bewohner der walisischen Stadt Haverfordwest waren die Gibbons-Schwestern keine Menschen. Sie waren Erscheinungen, die durch die nebelverhangenen Straßen glitten. Die zehnjährigen Mädchen gingen in absoluter Synchronität – im selben Augenblick hoben sie den linken Fuß, im gleichen Winkel neigten sie den Oberkörper. Wenn eine stehen blieb, um ihren Schnürsenkel zu binden, erstarrte die andere in derselben Haltung, als hätte man auch in ihrem Körper den Strom abgeschaltet.
In der Schule liefen die Kinder vor ihnen davon. „Sie sind Hexen“, flüsterten sie hinter ihrem Rücken. Die Mädchen reagierten nie. Sie sahen die Welt mit einem durchsichtigen, kalten Blick an, der zu sagen schien: „Ihr existiert für uns nicht.“ Ihre Isolation war so vollkommen, dass selbst die Eltern diese Mauer des Schweigens nicht durchbrechen konnten. Zu Hause schlossen sie sich in ihrem Zimmer ein und begannen in einer Sprache zu sprechen, die an Vogelgekrächze und beschleunigte Tonaufnahmen erinnerte. Es war keine menschliche Sprache – es war die Kommunikation ihres gemeinsamen Gehirns.
Das Geheimnis des Tagebuchs: Jennifer, 1981
„Heute habe ich sie angesehen und meinen eigenen Tod gesehen. Sie ist mein Schatten, der Gestalt angenommen hat. Wir sind füreinander zu Henkern geworden. Wenn sie atmet, spüre ich, wie mir in den Lungen der Sauerstoff fehlt. Wir können nicht als zwei Individuen leben, solange diese schreckliche Verbindung uns am Hals gepackt hält. Die Menschen haben Angst vor uns, aber sie wissen nicht, dass wir Angst vor uns selbst haben.“

Der Albtraum der Psychiatrie
Im streng bewachten Broadmoor-Krankenhaus waren die Ärzte am Ende ihrer Kräfte. Die Mädchen konnten stundenlang reglos sitzen, doch wenn eine blinzelte, tat die andere es im selben Augenblick. Wenn June in ein separates Zimmer gebracht wurde, verwandelte sie sich in eine leblose Puppe – und ein paar Wände weiter fiel auch Jennifer in einen katatonischen Schlaf. Sie waren durch ein unsichtbares Nervensystem verbunden, das kein Medikament zu durchtrennen vermochte.
Die schreckliche Abmachung
In einer kalten Märznacht, als in den Krankenhausfluren nur die Schritte der Wachen zu hören waren, saßen die Schwestern einander gegenüber. Es war ihre letzte „stumme“ Beratung.
„Wir ersticken einander, June“, flüsterte Jennifer. Ihre Stimme war kaum hörbar, zerfressen von Jahren des Schweigens. „In diesem Körper ist kein Platz für zwei Seelen. Wir sind wie zwei Pflanzen, die in einem Topf wachsen – die Wurzeln der einen müssen verdorren, damit die andere blühen kann.“
„Aber ich kann nicht ohne dich…“ Junes Hände zitterten, und Jennifers Hände wiederholten dieses Zittern im gleichen Rhythmus.
„Du musst mir versprechen“, in Jennifers Augen leuchtete zum ersten Mal nicht Hass, sondern eine Liebe so tief wie ein Abgrund. „Wenn ich gehe, musst du sprechen. Nicht in unserer Sprache, sondern in ihrer. Du musst die normale June werden. Wir schließen einen Vertrag: mein Leben – für deine Freiheit.“
Kulmination: Die Synchronität des Todes
Am Tag der Verlegung lehnte Jennifer im Auto den Kopf an die Schulter ihrer Schwester. June spürte, wie Jennifers Körper schwer und kalt wurde. Das war kein gewöhnlicher Tod. Jennifer wurde nicht krank – sie „schaltete“ ihr Herz einfach durch Willenskraft ab. Sie trat aus ihrem gemeinsamen Bewusstsein heraus und ließ June allein zurück.
Als das Auto anhielt und die Ärzte die Tür öffneten, sahen sie eine erschütternde Szene. Jennifer war leblos – und June, die 29 Jahre lang nur der Schatten ihrer Schwester gewesen war, stand aufrecht, fest, und sah den Menschen zum ersten Mal in die Augen.
Die sensationelle Enthüllung
Einige Tage später besuchte die Journalistin Marjorie Wallace June. Sie erwartete, eine gebrochene Seele zu sehen – doch June begrüßte sie mit klarer Stimme:
„Ich bin endlich frei. Jennifer hat ihr Leben gegeben, damit ich atmen kann.“

Die medizinische Untersuchung fand weder Gift noch Krankheit. Jennifer war einfach gestorben, weil sie es so beschlossen hatte. Das wurde zu einem der erschreckendsten Beweise in der Geschichte der Wissenschaft, dass die menschliche Seele mächtiger sein kann als die biologischen Instinkte. Jennifer tötete sich selbst, um das „Monster“ zu töten, das sie zusammen geworden waren.
